Die Stadt Subotica im Norden Serbiens nur zehn Kilometer von der Grenze zu Ungarn entfernt atmet den Charme des serbisch-ungarisch-kroatisch-bunjewatzisch-romanes Sprachengemischs, der architektonischen Reminiszenzen an die Zeit des Habsburger Reiches und der ‘ernsthaften Freundlichkeit’ seiner Menschen. Die Stadt in der Vojvodina wirkt wie eingebettet in den ländlichen Raum der pannonischen Tiefebene. Kulturelle Angebote gibt es, doch sie sind überschaubar. Wohltuend fällt da eine kleine Organisation auf, die jeden Tag ihre Türen für die unterschiedlichsten Aktivitäten öffnet.
Klara i Rosa
Klara i Rosa – Centar za savremenu kulturu i umetnost bzw. Zentrum für zeitgenössische Kunst und Kultur wird von drei engagierten Frauen betrieben. Die Leiterin Gordana Vukov Ciganjik spricht von einer “angewandten Methode”, wenn sie die Angebote charakterisiert. So wie sie Theaterstücke entwickeln – mit und durch die Teilnehmenden – so greifen sie die Themen der Menschen auf, bieten Räume und ermutigen Teilnehmer, selbst einen Abend auszurichten. Und so kommen sie und laden zu “Kochen und Kino” ein, bei dem russischstämmige Neuzuwanderer das Samowar anschalten, ein Buffet zaubern und zum Filmerlebnis im Garten animieren. Oder es stellen sich junge Frauen ein, die einen Juwelierworkshop veranstalten. Andere wiederum füllen den Saal mit lebendigen Ausführungen zu Kommunikation. Es finden thematische Debatten z.B. über Kulturförderung und -politik statt, Lesungen, Malworkshops, Yoga-Kurse, Abende zu Psychologie und Erziehung, Sprachcafés, Ausstellungen (“Gastarbajter”) und, natürlich, Theaterworkshops und Theateraufführungen.
Zehn Tage lang konnte die Leiterin von weltgewandt e.V., Sophia Bickhardt, Eindrücke von diesem konsequent partizipativen und auf Selbstermächtigung / Empowerment hin zielenden Ansatz sammeln. Besonderes Augenmerk richtete sie auf Methoden, mit denen die Theaterworkshops angeleitet wurden.



Dritter Raum
Ein Projekt eröffnet einen “Dritten Raum” für Mädchen und junge Frauen und damit einen, in dem die Teilnehmerinnen sich ‘freispielen’ und gemeinsam etwas kreieren können. Und dazu ebnen bereits einfache Körper- und Stimmübungen den Weg. So machten sie jeweils drei Bewegungen zu Wörtern wie Ozean, Kosmos oder boxen, entwickelten Gesten zur Sprachmelodie eines Wortes (nicht dessen Bedeutung!), verbanden Atem mit dem Ausdruck von Vokalen und Konsonanten, artiulierten Worte mal laut, mal leise, hart oder sanft, hell oder dunkel und hatten ihre Freude an serbischen Zungenbrechern. Nach mehreren Monaten des Erlernens von Schauspieltechniken hatten die Teilnehmerinnen gemeinsam mit der Workshopleiterin Gordana Vukov Ciganjik Theaterszenen erarbeitet. Sie reflektieren die Lebenswelt junger Frauen: Erfahrungen von Zurücksetzung, von klein gehalten werden, Uniformität und Fragen nach Schönheit, Selbstwert und dem eigenen “Sitz im Leben”. Die Beteiligten spielten kraftvoll und mit berührendem Ausdruck. Für die Beobachterin war besonders interessant, wie Musik, Gesang und Licht eingesetzt und über beispielsweise ein einfaches Arrangement von Stühlen Botschaften transportiert wurden.
Im Gespräch mit den jungen Frauen wurde deutlich, dass es ihre Szenen waren und dass sie durch die ‘theatralische’ Umsetzung ihrer Fragen, Hoffnungen, Zweifel und Wünsche über sich hinauswachsen konnten.


Body ready for the day
Das Selbst über die Beziehung zum eigenen Körper zu stärken und dessen vielfältige ‘sprachliche’ Möglichkeiten zu erkunden war Ziel des Workshops “Body ready for the day”, der zwei Mal in der Woche angeboten wird. Die Teilnehmer/innen sollten außerdem in einer Gruppe wechselseitige Unterstützung und Zugehörigkeit erfahren können. Angeleitet von der Schauspielerin Heni Varga ließen sie sich auf eine Reise durch Übungen aus Yoga, Tanz und Theater ein. Einige davon kann die Beobachterin für ihren weltgewandten Kontext übernehmen. Dazu gehören solche zur Sensibilisierung für den Raum sowie zur Wahrnehmung des/der Anderen über die Aufmerksamkeit z.B. auf einzelne Körperteile wie Hände, Schulter, Gang und Ähnlichem.


Öffentliche Räume
Bei der Online-Meisterklasse “Public Spaces” / “Öffentliche Räume” im Rahmen des Projekts “Unfold” diskutierten die Beteiligten Möglichkeiten, mit Kunst und Kultur öffentliche Orte zu beleben. In Zeiten des Rückzugs ins Private und vor digitale Geräte ist es die Idee der serbisch-portugiesisch-griechischen Kooperation, soziale Bande zu stiften, mit neuen Formen von Kunst zu experimentieren und sie in ‘aufsuchender’ Weise zu den Menschen zu bringen. Um dies konkret zu machen, wurden die Online-Meisterklassen bewegungsorientiert gestaltet: die griechische Kollegin gab ihre Methodenkenntnisse weiter und leitete unter anderem Übungen zu Nähe und Distanz und die Entwicklung von partizipativen Gruppen-Standbildern an.
Gesamtkunstwerk
Klara i Rosa vermittelt den Eindruck eines Gesamtkunstwerks: Es ist mehr als nur ein Zentrum für Kunst und Kultur. Es ist ein Ort. Einer, zu dem alle kommen können, wie die Journalistin Ivana sagt. Klara i Rosa ist ein Angebot, sich zu entfalten, zu reflektieren und sich mit anderen zusammen zu schließen. Die Mitarbeiterinnen bieten Dialog an. Dies im Wissen um eine vielfach gespaltene Gesellschaft, in der die Kriege der 1990er Jahre nachwirken. Und wie blicken die Menschen in die Zukunft? Jugoslawien ist nach all den Wunden keine Option mehr. Die serbische Gesellschaft scheint zerrissen zwischen den Polen Russland und Europäische Union. Umso wichtiger sind Orte, an denen Menschen ihre Potenziale entdecken, kreativ sein und ins Gespräch kommen können.



Vier Zutaten
Der Arbeitsaufenthalt war weit mehr als ein Lernen über Methoden der teilnehmerorientierten Theaterarbeit. Er vermittelte eindrucksvoll, dass Erwachsenenbildung im günstigen Fall von vier Zutaten lebt: Beziehung zu Menschen, ansprechende Themen, vielfältige Formen des Selbstausdrucks und einladende Räumlichkeiten. Bei Klara i Rosa greifen diese Komponenten ineinander. Man kann dies spüren, sobald man die Tür öffnet. Die ersten Schritte führen in einen Hausflur. Dieser ist so geschmackvoll eingerichtet, dass man sofort die Magie eines Ortes erlebt, an dem mit wenigen Mitteln viel geschieht. Das alles ist Arbeit. Die Arbeitsverhältnisse allerdings sind prekär – zu oft noch wird der Wert solcher dezentralen Orte von Begegnung, Bildung und Kultur unterschätzt. Nicht nur in Serbien.


Das Job Shadowing war Teil des Projekts „KOSMO_POLIS – Internationalisierung und gesellschaftspolitische Bildung im Stadtteil“, gefördert über das Programm Erasmus+.
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