Das Andere denken – und entdecken

Zuerst tanzt Darko zu den Taktschlägen des Drummers. Der hört dann auf. Darko tanzt weiter. Er wirbelt sich durch den Saal des Centre Français de Berlin, kostet verschiedene Tanzfiguren aus. Dann: Stille. Nach einer Weile sagt die Gebärdendolmetscherin drei Sätze: „Everyone speaks. I don’t understand them. I am alone.“ („Jeder spricht. Ich verstehe sie nicht. Ich bin allein.“) Darko kann nicht hören und nicht sprechen. Er muss täglich eine ‚Mauer‘ zwischen sich und anderen fühlen. Wenn er nicht Theater spielt und tanzt.

Darko war einer von vier Teilnehmer/innen des Plavo-Theaters in Belgrad, die vom 15.-18. Oktober in Berlin waren und gemeinsam mit Projektbeteiligten aus Marseille, Sofia und Berlin einen Workshop gestalteten und anschließend zur gemeinsamen Performance einluden.

Mauern im Kopf – das Andere entdecken

Diese bestand aus mehreren Elementen: Theaterszenen, Aufnahmen von Interviews, Zeichnungen und Collagen – und Tanz. „Mauern im Kopf – das Andere entdecken“ spielte auf unterschiedliche Mauer-Erfahrungen in Geschichte und Gegenwart an: Verstehenshürden zwischen Ost und West, als Vorurteile, Unkenntnis, „unverrückbare“ Auffassungen, Vorbehalte zwischen Menschen verschiedener Religionen, Lebensstile, politischen Auffassungen; solchen mit und ohne körperliche Benachteiligungen und verschiedener Einkommensgruppen. Mauern können desgleichen sehr real sein, als ‚dingliche‘ und fassbare Überreste alter Stadtmauern (die schützen sollten), der Berliner Mauer 1961-1989 oder Umzäunungen von Gated Communities dieser Tage. Mauern können ebenso abstrakt sein und als soziale Distinktion spürbar werden. Oder als Informationsbarrieren, wenn Menschen nicht gleichermaßen Zugang zu Informationen und Wissen haben bzw. ihn anderen nicht gewähren.

Arm-Reich-Barrieren im Wandel der Zeit

In den Theaterszenen wurden dafür leicht verständliche Situationen bemüht: Das mittelalterliche Berlin des Jahres 1561 mit Tagelöhnern, die tagsüber die Mauern der Stadt verlassen, auf dem Feld für ihren Herrn schuften, und dafür gerade einmal einen „Appel und Ei“ bekommen. Vierhundert Jahre später, 1961, teilt eine Mauer die Stadt. Westberliner lassen es sich gut gehen und zeigen kein Interesse an den Sprachverwandten im Osten. Doch die arbeiten sich immer westwärts gewandt an der äußeren (und dann auch inneren Mauer) ab. Die feinen Herren kommen zu Besuch, beeindrucken mit Bananen, allerlei Geschenken und lassen sich bewundern. Doch dann dreht sich der Wind. Ist der Weg nach Westen verstellt, so ist er doch offen gen Osten. Reisen, Begegnungen bei Bier und Vita-Cola, kulturelle Anregungen bieten die Länder im östlichen Europa zuhauf. Das Leben ist nicht leer, sondern auf seine Weise reich und interessant.

Im Jahr 2061 wiederum zieht weiterhin die Wohnungsfrage Mauern in den Gesellschaften. Eine wohlhabende Person betritt eine Wohnanlage, eine sogenannte gated community. Sie kann den Roboter-Pförtner passieren, denn sie erfüllt die Voraussetzungen. Andere schuften für Plattformen oder Lieferdienste oder im Büro, verdienen wenig – und der ‚smarte‘ Pförtner der gated community weist sie mit durchdringend-schrillen Elektro-Tönen ab. Das Phänomen „Mauer“ trifft auf das Problem „Arm – Reich“ im Wandel der Zeit.

Verbunden wurden die Szenen durch den Tanz von Darko und später Stojan. Umrahmt waren sie von Interviews, die die französischen Kolleginnen mit Projektteilnehmer/innen zum Thema gemacht hatten. Die Ansichten dazu waren vielschichtig: Mauern würden sich manchmal zwischen den Generationen zeigen, zwischen Menschen unterschiedlicher kultureller Prägungen, auch in Ost- und Westeuropa; Mauern könnten erlebt werden, wenn Menschen nicht eine Sprache sprechen – obwohl sie sich doch in der gleichen Sprache bewegen, ob es die französische, deutsche, bulgarische oder serbische sei. Mauern könnten auch das andere Wort für Entfremdung zwischen Menschen sein, wenn ein offenes Gespräch nicht zustande komme. Umso schöner sei es, wenn es gelingt, sich zu öffnen, ehrlich über das zu sprechen, was man wahrnimmt und was eine/n beschäftigt. Auf diese Weise könne man „den anderen entdecken“. Und genau das fand statt. In den gemeinsamen Workshops und den vielen Gesprächen. In den Interviews wurde mehrfach auch gesagt: „Wir haben so vieles gemeinsam.“

Dies zeigte sich auch, als die Zeichnungen und Gemälde der bulgarischen Künstlerinnen zum Projektthema feierlich gewürdigt wurden (sh. nachstehende Bilder). Die Betrachtung ihrer Werke ging über in die Eröffnung der Fotoausstellung, die durch Projektteilnehmer/innen gestaltet worden war. Sie spiegeln Wahrnehmungen der Orte, an denen die Workshops stattfanden, sowie eigene Sichten auf „Mauern im Kopf“.

Die Performance war als ein Happening gestaltet, bei dem die Besucher/innen zwischen den Räumen wechseln und die Szenerie mal von dieser, mal von jener Seite betrachten konnten. Sie mündete in die Eröffnung des Buffets, das mit Speisen von weltgewandten gut bestückt war – und zum Austausch mit den Besucher/innen einlud.

Video von Musa Mowahid

Mehr zum Projekt.

Kofinanziert durch das Erasmus+-Programm der Europäischen Union

 

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